Robert Kraiss

Plaisanteries contre le progrès

Ausstellung
25. Februar 2018 – 7. April 2018


Auf der Reise

Terra Incognita! Einst ein Funkeln in den Augen Wagemutiger. Was so funkelt, entsagt gern Maß und Vernunft, die Entdecker neuer Welten, sie spielten mit ihrem Leben. Doch machen wir uns nichts vor, diese Zeiten sind vorüber. Der Mensch ist auf dem Erdball bereits überall gewesen, hat ihn erkundet, ausgemessen und dabei seine eigenen Heldengeschichten geschrieben.

Als Robert Kraiss 2011 eine eigene Reise in seinem Buch „The stinking and the perfumed elephant“ skizziert, betritt er kein wirklich unerkanntes Land. Selbst die entlegenste Fremde erwartet uns mit ihrer Geschichte, der man sich unwillkürlich zu stellen hat. Um diese Geschichten herum rankt sich, was selbst auf dem gänzlich durchforschten Planeten immer noch das große Abenteuer, die Reise zu einem komplett Ungewissen versprach: die Kunst.

Nicht immer war ihr jenes neue Terrain geheuer. Noch recht früh in der auftrumpfenden Moderne nennt Charles Baudelaire sein Tun „Plaisanteries Contre Le Progrès“, Scherze aber auch Streiche gegen den Fortschritt. Im Experimentierfeld, welches die Moderne in der Kunst fand, nahm Baudelaire dennoch seinen Platz, keineswegs explizit im Namen des Fortschritts, aber doch mit einem forschenden Blick auf die Sprache und den Menschen. Die Lichter der Großstadt Paris, Zentrum neuer Entwürfe, illuminieren manche seiner Gedichte, das neue Leben in der alten Sprache.

Mehr als ein Jahrhundert später, die Moderne ist vollendet, beschreibt ein junger britischer Sänger namens Momus die Sammlung scharfsinnig ironischer und doch schmerzvoller Neuinterpretationen biblischer Szenerien, welche sein erstes Album füllen als „the Old Testament to the new instruments“. Dabei dominiert die akustische Gitarre und nicht etwa der digitale Synthesizer seine Songs. Wenn Robert Kraiss mit undogmatischem, neuem Instrumentarium (präzise: mit einem Bohrschrauber) Stilistiken, ja komplette Werke der Vorkriegsmoderne neu interpretiert, forscht er zugleich auf bekanntem Territorium. Diese Struktur funktioniert auch in die andere Richtung, Skulpturen, an die organischere Version der modernen Abstraktion erinnernd, entstehen auf die anachronistischste Weise schöpferischer Formgebung: als Flechtwerk, warmes, günstiges Material statt ehrfurchtgebietender Bronze oder kaltem Beton.

Was die alten Instrumente in der neuen Form oder die neuen Instrumente in den alten Werken finden, sind rhythmische Wiederholungen, keine ewige Wiederkehr, sondern vibrierende Akzentuierungen, die einen als Augen Redonscher Zyklopen anstarren oder als Variante von Picabias phallischen Provokationen erscheinen. Wichtig ist nur, dass sie erscheinen, da sind und sich längst schon der unmittelbaren Verständlichkeit entzogen haben. So sind Kraiss Arbeiten auch Neuschöpfungen aus einer vergangenen Kultur, experimentelle Archäologie und verliebtes Echo in einem. In einem steten Pendeln zwischen der unmittelbaren Nähe und der unerklärlichen Ferne fixieren sie den aktuellen Moment. Den aktuellen Moment? – Ja, unsere Zeit, welche ihre eigenen Zeichen vergisst und doch keine wirklich neue Sprache zu finden vermag. Mitunter erinnern Kraiss’ Werke an pointillistische Auflösungen. Aber ob wir die Dinge nicht mehr, oder noch nicht klar sehen, bleibt unserer Interpretation überlassen.

Kraiss beobachtet allerdings – und diese Vorstellung macht mich, während ich dies hier schreibe, etwas bange – nicht in erster Linie die Kunst der Vergangenheit. In stiller Aufmerksamkeit ruht sein Blick auf uns. Er sieht uns! Terra Incognita oder nur allzu bekanntes Terrain?

Oliver Tepel