Jade Montserrat

RAINBOW TRIBE: PROGRAMME REVIEW

Ausstellung
1. Dezember 2017 – 27. Januar 2018


Die Spuren der Ameisenbisse

Lebensweise Sinnsprüche verweisen gern auf „seltsame Wege“, die allein zum Ziel führen sollen. Nicht selten, so wird behauptet, lägen diese Ziele ganz woanders, als vorgesehen. Der vorgesehene Ort für Jade Montserrat war 2006 ein Stipendium in New York, doch sie wurde abgelehnt. Die ungewollt freie Zeit führte sie ins Harlemer „Studio Museum“ und just in dessen Buchladen entdeckt sie:

„Rhapsodies in Black“

– der Katalog einer von Richard J. Powell und David A. Bailey 1997 kuratierten Ausstellung über die Harlem Renaissance versammelt Essays bedeutender Autoren, welche die weltweite Bedeutung jener afroamerikanisch geprägten New Yorker Kunstboheme der 20er und 30er herausstellen. Jade Montserrat liest darin Andrea Barnwell Brownlees Text „Like the Gypsy’s Daughter“ über den Lebensweg Josephine Bakers, ihre Kunst und ihr Projekt einer Familie aus Adoptivkindern aus allen Regionen der Welt. Baker nennt es:

„the Rainbow Tribe“

– Bakers soziokulturelles Experiment lässt sie materiell verarmen, doch es gelingt und selbst jene der Kinder, welche in ihrem weiteren Leben Aspekte ihres Aufwachsens in Bakers riesigem Anwesen kritisierten, würdigten ihre Motivation, alle historischen Einschreibungen in Hautfarbe und Herkunft zu überwinden.

Hier findet Jade Montserrat ihren wirklichen Anlass, Kunst zu machen. Dabei interessiert sie sich ebenso für Bakers Kunst, vor allem ihren Tanz, der sie aus der Szene der Harlem Renaissance bis nach Paris führte. Jade Montserrat fragt: Tanzte Baker bereits den Rainbow Tribe?

Josephine Baker hinterließ erstaunlich wenige Spuren in der bildenden Kunst. Ihr Freund Paul Colin malt sie 1927 tanzend in „Le Tumulte Noir“, man vermeint sie in Matisses Scherenschnitt „Icare“ aus dessen „Jazz“-Buch zu erkennen, doch das erschien erst 1947. Die amerikanische Malerin Loïs Mailou Jones, einst als Twen inspirierter Zaungast der Harlem Renaissance Szene, schuf 1977 mit „La Baker“ eine malerische Hommage, welche Bakers Pariser „Pfauentanz“ mit afrikanischen Skulpturen assoziiert. Doch jene Genealogie des Ursprungs wird in der zentralen Figur des Bildes aufgelöst: Baker, tanzend, zur einen Hälfte mit brauner, zur anderen mit rosa Haut.

Jade Montserrats Kunst exploriert sowohl Bakers Intentionen, wie auch die spannungsreichen Gedanken zwischen Bakers Intentionen und aktueller sozialer Realität oder zwischen der Rekursion auf afrikanische Tradition und den Visionen der Moderne. Montserrats Aquarelle, ihre Performances, sie formulieren den Universalismus des „Rainbow Tribes“ und fragen zugleich nach der Wahrnehmung schwarzer Künstler: Mittels welcher Stereotypen werden Künstler und Kunst beschrieben, ausgeschlossen oder entlang rassistischer Klischees exponiert? So leicht es der Moderne fiel, sich von afrikanischer Kunst inspirieren zu lassen, so schwer fällt es der Kunstgeschichte, sie in ihre Erzählung aufzunehmen.

In ihren Performances analysiert Jade Montserrat unmittelbar Kraft und Körpersprache Josephine Bakers, sie konfrontiert und weist zugleich auf ein nahezu universell verständliches Vokabular der Gesten und Bewegungen. In nahezu tänzerischer Aktion entsteht ihre Malerei, welche den Körper und seine Repräsentation, sowie die Möglichkeiten sprachlicher Symbole verknüpft. Fast gleich einer meditativen Wendung ins Innere zeigen ihre kleinformatigen Aquarelle dann das Bezugssystem aus traditioneller afrikanischer Symbolik, Worten des Kohelets, einem der Bücher der Weisheit im Alten Testament, und Zitaten von Josephine Baker.

Manchmal versucht aktuelle Kunst das Risiko potenziell großer Statements mit Gedanken über die Ausgestaltung von Räumen zu umgehen oder sie vertraut auf einfache Botschaften. Die Botschaft des Rainbow Tribes scheint zunächst ebenfalls einfach, da sie einleuchtet, aber Jade Montserrats Interpretation verschweigt nicht die Probleme. Doch weist ihr Werk vor allem auf Freiheit, etwa die Freiheit einer sich emanzipierenden schwarzen Kultur, welche Zora Neale Hurston in ihrem Buch „Their Eyes Were Watching Gods“ gleich einer Verdichtung aller Energie der Harlem Renaissance, ja wie ein Sinnspruch auf Josephine Bakers Leben, beschrieb:

„Dancing, fighting, singing, crying, laughing, winning and losing love every hour. Work all day for money, fight all night for love. The rich black earth clinging to bodies and biting the skin like ants.“

Oliver Tepel

all photos © Simon Vogel